Herr Dahi, die Ameise

Mahmoud Dahi ist ein Bär von einem Mann mit einem beeindruckenden schwarz-grauem Vollbart und wachen Augen. Hier nennen ihn alle, Kinder und Erwachsene, respektvoll nur Abu Medi. Ihr Respekt ist ihm, dem Münchner mit den syrischen Wurzeln, nicht einfach zugefallen, er hat ihn sich in den letzten Jahren hart erarbeitet. Angefangen hat alles im Herbst 2012, eineinhalb Jahre nach der furchtbaren Eskalation des Konflikts in Syrien zwischen dem Regime von Baschar al-Assad und der syrischen Revolution.
Bekannte riefen ihn an und baten um seine Hilfe, eine Frau war brutal vergewaltigt worden und wollte eine beginnende Schwangerschaft unbedingt abbrechen. Dafür fehlten allerdings die Medikamente. Mahmoud Dahi besorgte was nötig war, setzte sich in sein Auto und fuhr eine Woche lang, nach Syrien, in das Land, aus dem er selbst als Jugendlicher geflohen war. In seinem deutschen Leben hatte sich Herr Dahi ansehnlichen Wohlstand mit einem Limousinen-Service erarbeitet, seine Kunden waren reiche Ausländer auf Rundreise, darunter Prinzen und Emire. Als er wieder zurück in Deutschland aus seinem Auto stieg, war dieses Leben für ihn vorbei, beendet von den schrecklichen Bildern und Geschichten, die er aus dem syrischen Bürgerkrieg mitgenommen hatte. Er gab sein Unternehmen fast gänzlich auf und gründete zusammen mit seiner Familie in München den Verein Spendahilfe. Sie sammelten dringend benötigte Dinge, luden LKWs damit voll und Herr Dahi brachte sie nach Syrien. Damit riskierte er immer wieder sein eigenes Leben und hatte dabei oft mehr Glück als Verstand. Ein anderes Mal entkam er einem Anschlag auf ein Flüchtlingslager nur, weil ein Scharfschütze der Freien Syrischen Armee die Attentäterin von ihrem Moped schoss, kurz bevor sie den Bombengürtel zünden konnte. Keine hundert Meter entfernt von ihm. Ein drittes Mal verließ er, eigentlich ungeplant, ein Flüchtlingslager wenige Stunden vor einem besonders schweren Bombenanschlag direkt neben seiner Unterkunft, der 43 Menschen das Leben kostete und doppelt so viele schwer verletzte. Und das sind nur die Spitzenplätze seiner Nahtoderfahrungen.
Im Laufe des Jahres 2014 wurden die Verhältnisse zwischen den Konfliktparteien in Syrien immer unübersichtlicher und mörderischer. Dank der absoluten Untätigkeit des Westens war die Freie Syrische Armee, anfangs überwiegend progressiv und demokratisch, zwischen den Regimetruppen und den Terroristen des IS fast vollständig aufgerieben. Die Hilfe direkt vor Ort wurde selbst für Abu Medi unmöglich, da der Schutz durch die FSA nun fehlte. Unbeirrt von den Rückschlägen entschied er, seine Arbeit einfach auf türkischem Boden fortzusetzen.
In seinem nimmermüden Schaffen hat Mahmoud Dahi nichts von einem Bären, sondern gleicht einer Ameise, die viel mehr tragen kann als sie im Angesicht ihrer Größe eigentlich aushalten sollte und die, nachdem wieder irgendein Riese ihre Arbeit in Trümmer geschlagen hat, einfach unbeirrt damit fortfährt ein Steinchen auf das andere zu setzen.

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